Die Anfänge

Die Anfänge in Bielefeld und Quelle/Steinhagen

2018 und 2019 feiert die Neuapostolische Kirche ihr 150-jähriges Bestehen in Bielefeld. 1863 aus einer kleinen katholisch-apostolischen Gemeinde in Hamburg hervorgegangen, zählt die Neuapostolische Kirche heute weltweit mehr als neun Millionen Mitglieder, die sich in über 59.000 Gemeinden versammeln. Ihre Wurzeln hat die Neuapostolische Kirche im 19. Jahrhundert in Schottland. Um das Jahr 1830 beteten dort in einzelne Gläubige und Gemeinschaften um eine „Ausgießung des Heiligen Geistes“. Sie verbanden damit die Hoffnung auf eine Neubelebung des christlichen Lebens innerhalb der aus ihrer Sicht in Formalismus erstarrten Glaubensgemeinschaften. Es entstand eine „apostolische“ Bewegung, die dann kirchliche Strukturen annahm, nachdem zwischen 1832 und 1835 zwölf Apostel durch prophetisch begabte Personen gerufen wurden. Das Kennzeichen der nun so genannten „Katholisch-apostolischen Kirche“ war, dass an ihrer Spitze Apostel standen, die durch Handauflegung die „Gabe Heiligen Geistes“ spendeten, um die Gläubigen für die bald erwartete Wiederkunft Christi zu bereiten.

Die ersten Gottesdienste im Raum Bielefeld

Die ersten Gottesdienste im Raum Bielefeld wurden von Friedrich Wilhelm Menkhoff gehalten, der später als Apostel diente. Er fand in Bielefeld „Am Gadderbaum“ eine Wohnung. Seine Grabstätte ist auf dem Gadderbaumer Friedhof. 1869 konnte in Bielefeld, Am Sparrenberg 2, ein Kirchenlokal angemietet werden. Es war das erste Kirchenlokal der Neuapostolischen Kirche in Nordrhein-Westfalen. Schon nach kurzer Zeit fanden die Gottesdienste in einer neuen Versammlungsstätte „Am Sparrenberg 12“ statt. Während des 2. Weltkriegs wurden die Gebäude vollständig zerstört.

Weitgehend unbekannt ist, dass der Raum Bielefeld auch die Wiege der Neuapostolischen Kirche in Westfalen war, einer traditionell protestantisch geprägten Region. Für die spätere Neuapostolische Kirche, war eine lokale Erweckungsbewegung des frühen 19. Jahrhunderts – die sogenannte Ravensberger Erweckung, die eng mit dem Namen des Pastors Johann Heinrich Volkening verknüpft ist – mit von Bedeutung. Einer seiner Konfirmandenschüler war Friedrich Wilhelm Menkhoff.

Ab 1868 entstand aus dem evangelischen „Queller Missionsverein, der Menkhoff zuvor
schon in den Niederlanden unterstützt hatte, die erste „apostolische Gemeinde neuer Ordnung“ in Westfalen. Diese Gemeinde Bielefeld hatte seit 1869 zwei Gottesdienstorte, einen in Steinhagen bei der Familie Niehaus und einen weiteren im Haus des Apostels Menkhoff am Sparrenberg in Bielefeld.

 

Friedrich Wilhelm Menkhoff

Am 2.2.1826 wurde in Mantershagen, Kreis Wallenbrück in Westfalen Friedrich Wilhelm Menkhoff geboren. Seine Eltern waren der Schmiedemeister Hartwig Heinrich Menkhoff und Catherine Marie, geb. Dröge. Er wuchs in einem evangelischen, gottesfürchtigen Elternhaus auf.

Seit frühester Jugend war es sein Wunsch, Gott dienen zu können. So ließ er sich in Duisburg zum Diakon ausbilden.1852 wurde er von der Diakonenanstalt zu Duisburg nach Holland gesandt. Dort sollte er den „armen deutschen Hollandgängern“ das Evangelium nahebringen.
„Hollandgänger“ waren deutsche Wanderarbeiter, die in Holland als Tagelöhner in der Landwirtschaft oder zum Torfstechen beschäftigt wurden.

Einige Zeit später trennte sich Menkhoff von dem Diakoniehaus Duisburg und schloss sich dem niederländischen Pfarrer und Missionar Jan de Liefde an. Er wurde Prediger der freien evangelischen Gemeinde zu Ouderkerk bei Amsterdam. 1859 heiratete er Aukje (Auguste) Smeding. Es wurden ihnen sechs Kinder geboren. Menkhoff reiste jedes Jahr von Holland zurück nach Westfalen, um Verwandte zu besuchen.

Der Queller Missionsverein
Menkhoff kam oft nach Steinhagen und hielt dort Gottesdienste, weil der dortige evangelische Pfarrer Menkhoffs Anwesenheit nutzte, um zur Kur zu fahren. Er war auch ein gern gesehener Prediger bei den Jahresfesten des Queller Missionsvereins.

Am 14.6.1867 erhielt er von Apostel Schwarz den Auftrag, in seiner Heimat Westfalen das Werk Gottes zu gründen. Er soll dort in der ersten Zeit bei einem seiner Brüder in Steinhagen gewohnt haben.
Menkhoff predigte zuerst den Mitgliedern des Queller Misssionsvereins und anderen gläubigen Menschen in Steinhagen und Quelle.

1867 kam es zum Bruch und Menkhoff gab seine Stellung in der freien evangelischen Kirche auf.
Da er apostolisches Gedankengut in seine Predigten einfließen ließ, trennte sich der Verein von ihm und die Versammlungsstätte auf dem Hof Niewöhner, in der er bislang gepredigt hatte, wurde ihm versagt.
Hermann Christoph Niehaus, der zweitälteste Sohn des Ehepaares Niehaus und späterer Stammapostel, überredete seinen Vater, Menkhoff den elterlichen Hof für künftige Versammlungen zur Verfügung zu stellen.

Hieran erinnert sich der spätere Stammapostel Niehaus:
„Die Pastoren kämpften gegen den Evangelisten Menkhoff und brachten es fertig, dass ihm die Tür verschlossen wurde. Damals sagte ich zu meinem Vater: „Lass doch den Prediger in unser Haus kommen.“ Mein Vater weigerte sich erst und sagte, dafür seien wir nicht eingerichtet. Doch es wurde möglich gemacht und der Evangelist Menkhoff hielt nun die Versammlung in unserem Haus. Ach, welch kümmerlicher Anfang war es.“

Weiter sagte Niehaus in Bezug auf die damaligen Geschehnisse:
„Hätte mir einer gesagt, als der Evangelist Menkhoff in unser Haus zog, was noch geschehen soll, so hätte ich es nicht für möglich gehalten. Anfänglich hielten wir Gottesdienste in einer Viehscheune. Ich habe damals die Löcher im Boden erst mit Sand ausgefüllt und dann Bretter zusammen genagelt, damit wir Stühle stellen und Bretter darüber legen konnten. Im Winter behalfen wir uns mit unserer Küche und hielten darin Gottesdienst.“

Menkhoff soll auch einige Zeit Unterkunft mit seiner Familie auf dem Niehausschen Hof gefunden haben.
Wie armselig auch diese Wohnverhältnisse waren, geht daraus hervor, dass in zwei Kotten dieser Art fünf Familien mit sieben Erwachsenen und 25 Kindern wohnten und dazu wurde noch ein Raum für die Gottesdienste bereit gestellt. Dieser Raum hatte 30 bis 40 Sitzplätze. Amtsbrüder der kleinen Gemeinde waren der Gemeindeälteste Heinrich August Niehaus und der Hirte Johann Heinrich Diekmann. Sein Sohn Johann Heinrich Wilhelm war der erste Vorsteher von Quelle. Der Queller Missionsverein löste sich schon kurze Zeit später auf. Zu dieser Zeit war auch das Ehepaar Niehaus noch Mitglied der evangelischen Landeskirche.

Als Apostel Schwarz im Sommer 1869 zum zweiten Mal von Holland nach Westfalen kam, konnten in Bielefeld in einem Gottesdienst etwa 100 Seelen der neuen Gemeinde hinzugefügt und „versiegelt“ werden. Evangelist Menkhoff empfing das Bischofsamt und Hermann Christoph wurde zum Evangelisten ordiniert. Am 19.5.1872 wurde Menkhoff in Holland zum Apostel für Westfalen ausgesondert und Hermann Christoph Niehaus zum Ältesten ordiniert. Apostel Menkhoff wirkte noch viele Jahre als Apostel bis zu seinem Tod am 21.6.1895. Hermann Niehaus wurde sein Nachfolger und hatte die Leitung der Kirche von 1905-1932 als Stammapostel der Neuapostolischen Kirche inne.

Zwei Versammlungslokale entstehen

Die Gemeinde Bielefeld wuchs, und es mussten immer größere Räume angemietet werden. Die Gläubigen versammelten sich Sonntagsmorgen in der jeweiligen Versammlungsstätte in Bielefeld. Auch die Queller und Steinhagener Mitglieder wanderten über den Berg nach Bielefeld. Erika Franke, eine Enkelin des Stammapostel Niehaus erinnert sich an diese Zeit:
Sonntagsmorgens fuhren die Erwachsenen um 7.20 Uhr vom Queller Bahnhof mit dem Zug nach Bielefeld. Vom Bahnhof ging es dann zu der jeweiligen Versammlungsstätte zum Gottesdienst. Der Rückweg verlief genauso, nur entgegengesetzt. Manche Geschwister machten aber auch beide Wege zu Fuß über den Berg. Sie konnten sich das Fahrgeld nicht leisten. Die Kinder blieben zu Haus. Die größeren Kinder mussten auf sie aufpassen oder ein Elternteil blieb bei ihnen. Nachmittags ging es dann zur „Stunde“, so wurden die Versammlungen im Hause Niehaus genannt.

Beide Standorte erhielten in der Folge unterschiedliche, stets größere Versammlungslokale. In Steinhagen wurde 1906 im neuerbauten Haus des Stammapostels Niehaus ein Gottesdienstraum eingerichtet. 1929 wurde neben diesem Haus eine eigene Kirche errichtet. Zum Einweihungsgottesdienst am 28.6. waren alle europäischen Apostel und auch Apostel Schlapphoff aus Südafrika anwesend. Erst in diesem Jahr wurde auch die  Gemeinde Quelle/Steinhagen formal unabhängig und von der Gemeinde Bielefeld-Mitte getrennt. Nach mehreren Umbauten wurde Anfang der 1980er Jahre ein Kirchenneubau beschlossen, der sich ebenfalls im direkten Umfeld des ehemaligen Wohnhauses von Stammapostel Niehaus befindet. An das Kirchengebäude selbst ist ein größerer Seminarraum angeschlossen, der für die Jugendseminare
im östlichen Teil der NAK NRW genutzt wird.

Die Gemeinde am Bielefelder Standort erbaute 1902 ein Gemeindelokal in der Große-Kurfürsten-Straße Nr. 91. Schon wenige Jahre später war das Gebäude zu klein, so dass 1920 ein ehemaliges Tanzlokal in der Große-Kurfürsten-Straße 57 bezogen wurde. Im Jahr 1980 zieht die Gemeinde in eine neuerbaute Kirche in
der Bismarckstraße um. Im Nachbargebäude befand sich über Jahrzehnte das Bielefelder Büro der Verwaltung der NAK NRW. Das vorherige Kirchengebäude Große-Kurfürsten-Straße 57 wurde bis vor einigen Jahren als „Mensa“ im Rahmen der Seminarveranstaltungen in Quelle/Steinhagen genutzt.

Von beiden Gemeinden gingen zahlreiche Gemeindegründungen aus. Seit den 1930er Jahren befindet sich auch die Hostienbäckerei der Neuapostolischen Kirche in Bielefeld, seit 1990 am jetzigen Standort in Bielefeld-Kammerratsheide.

Der Bielefelder Kirchenbezirk hat 12 selbständige Gemeinden, 9 davon auf dem eigentlichen Stadtgebiet Bielefelds. In Brake, Jöllenbeck, Heepen-Kammeratsheide, Mitte (die Muttergemeinde), Ost, Schildesche, Sennestadt, Süd und Ummeln. Außerhalb des Stadtgebiets gibt es ferner Gemeinden in Halle-Werther, Quelle-Steinhagen und Versmold. Sie alle gehören organisatorisch zum Kirchenbezirk Bielefeld.